Blog Post

Eine Schocktherapie für unser Gewissen

Die Uno will die Armut besiegen. Der Ökonom Jeffrey Sachs schreibt, wie das gehen soll. Es tut sich etwas im Kampf gegen die Armut. Heute beginnt in New York der Armutsgipfel der Vereinten Nationen, am Wochenende war weltweiter "White Band Day" der Entwicklungshilfeaktivisten mit einem weißen Bändchen am Handgelenk. Vor zwei Monaten verständigte sich der […]

By: Date: September 12, 2005 Topic: Global Economics & Governance

Die Uno will die Armut besiegen. Der Ökonom Jeffrey Sachs schreibt, wie das gehen soll. Es tut sich etwas im Kampf gegen die Armut. Heute beginnt in New York der Armutsgipfel der Vereinten Nationen, am Wochenende war weltweiter "White Band Day" der Entwicklungshilfeaktivisten mit einem weißen Bändchen am Handgelenk. Vor zwei Monaten verständigte sich der G-8-Gipfel in Schottland auf vollständigen Schuldenerlass für die allerärmsten Länder, dazu gab es auf
der ganzen Welt Live-8-Konzerte. Das Buch zu diesen Ereignissen ist jetzt auf Deutsch erschienen: "Das Ende der Armut" von Jeffrey Sachs. Sachs ist ein brillanter Ökonom und begnadeter Selbstdarsteller, bekannt für die Schocktherapien, die er Polen (mit Erfolg) und Russland (mit deutlich weniger Erfolg) nach der Wende verordnete. Er wurde von Uno-Generalsekretär Kofi Annan vor drei Jahren zum Direktor des Uno-Millennium Projekts gemacht, um eine möglichst konkrete Strategie im Kampf gegen extreme Armut auszuarbeiten. Dieser Kampf trifft auf erheblichen Widerstand: Das öffentliche Misstrauen gegen die Entwicklungshilfe ist stark gewachsen, vor allem in den USA. Empirische Untersuchungen, die die Wirksamkeit von Entwicklungshilfe generell in Zweifel zogen, wurden von konservativen Think-Tanks schadenfroh verbreitet. Sie propagierten Wirtschaftsliberalisierung und Welthandel als Ersatz, nicht mehr als Ergänzung der Hilfe. Die Entwicklung in Asien schien ihnen Recht zu geben: Der Wirtschaftsboom dort hat in den letzten 20 Jahren die Zahl der extrem Armen trotz Bevölkerungswachstums um etwa 500 Millionen gesenkt. Viele Geberländer meinten, sich ihre Taschen nun guten Gewissens zunähen zu können. Vom Versprechen, 0,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Entwicklungshilfe auszugeben, wollten sie nichts mehr wissen. Die USA gaben nur noch ein Viertel der versprochenen Summe, Deutschland weniger als die Hälfte.
Sachs’ Auftrag war es, den Geberländern Augen und Taschen wieder zu öffnen. Er tut dies, indem er zeigt, dass die Globalisierung Afrika keinen erkennbaren Fortschritt gebracht hat. Dort hat sich in den vergangenen 20 Jahren die Zahl der extrem Armen auf 300 Millionen verdoppelt. Als extrem arm gilt, wer mit einer Kaufkraft von weniger als einem Dollar am Tag auskommen muss. Zum Vergleich: In der EU ist uns jede Kuh eine Subvention von rund zwei Dollar am Tag wert.
Schwarzafrika steckt laut Sachs in einer Armutsfalle: Die Armen sind zu arm, um auch nur ein kleines bisschen in die eigene Zukunft zu investieren. Gründe dafür sind Übel, gegen die die Instrumente Liberalisierung und Freihandel stumpf sind: Mangelernährung, schlechte Schulen, schlechte Gesundheit, Infektionskrankheiten. Dass gerade in sehr armen Ländern die Bevölkerung auch besonders rasch wächst, verschlimmert die Situation. Hier muss laut Sachs der Staat eingreifen, unterstützt durch eine massive Ausweitung der Entwicklungshilfe. Sachs rechnet vor, dass sich mit der von den Geberländern einst versprochenen Entwicklungshilfe von 0,7 Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts die extreme Armut bis 2015 weltweit halbieren und bis 2025 ganz beseitigen ließe. Eine Welt ohne Armut ist machbar, Herr Nachbar!
Sachs’ Buch ist eine Schocktherapie für unser Gewissen und ein Appell an unsere Vernunft. Unsere Unmoral im Angesicht extremer Armut kann sich an uns rächen. Darüber nachzudenken täte auch unserer innenpolitischen Psychohygiene gut; vom gierigen Besserverdiener bis zum Hartz-IVEmpfänger jammern wir auf hohem Niveau.
Seinen Auftrag hat Sachs mit seinem Buch erfüllt. Die reichen Ländern diskutieren ernsthaft über Entwicklungshilfe, wie der G-8-Gipfel von Gleneagles gezeigt hat. Aber so wie Sachs es sich vorstellt, wird die Schocktherapie gegen die Armut nicht funktionieren. Wie sollen denn die ärmsten Staaten die Verteilung des plötzlichen Geldsegen – von 15 bis 20 Prozentpunkte ihres Bruttoinlandsprodukts – überhaupt meistern? Dieser Frage widmet Sachs nur eine von 450 Seiten, und die ist voller Allgemeinplätze. Nach meinen Erfahrungen in der Entwicklungshilfe bin ich sicher, dass die Verwaltungen in den meisten Ländern komplett überfordert wären.
Diese Skepsis wird von den meisten Praktikern geteilt. Die Weltbankökonomen Ritva Reinikka und Jakob Svensson fanden kürzlich heraus, dass nur 13 Prozent einer für die Grundschulen gedachten Mittelzuweisung der ugandischen Regierung bei den Grundschulen ankam. 87 Prozent versickerten in den korrupten lokalen Verwaltungen. Schulen in reicheren Gegenden schnitten übrigens besser ab, weil reiche Eltern sich eher wehren konnten. Innerhalb solcher Verwaltungsstrukturen lässt sich die extreme Armut selbst mit viel Geld nur schwer bekämpfen. Es gibt kaum Schwierigeres und Langwierigeres in der Entwicklungshilfe, als leistungsfähige Institutionen am Ort aufzubauen. Die Alternative – geberdominierte Parallelbehörden aus dem Boden zu stampfen, die wie
Kolonialverwaltungen aussähen – wäre in der Regel weder wünschenswert noch realistisch.
Sollten wir uns also die Taschen wieder zunähen? Keineswegs. Zwar werden Korruption und Misswirtschaft das Ende der Armut gegenüber Sachs’ überoptimistischen Prognosen verzögern; und unsere Steuergelder würden mit Sicherheit langsamer abgerufen, als Sachs dies vorsieht, jedenfalls wenn man ordentliche Kontrollen einbaut. Aber die reichen Länder könnten schnell und zu relativ geringen Kosten das zurückgewinnen, was amerikanisch "Moral Leadership" heißt; sie könnten ihren Führungsanspruch in der Staatengemeinschaft neu legitimieren. Den Einwohnern armer Länder würde die Mitschuld ihrer schlechten Regierungen an der Misere sichtbar vor Augen geführt, wenn im ursprünglich ähnlich armen Nachbarland plötzlich gute Beamte gut bezahlt und korrupte ins Gefängnis gesteckt werden, und wenn dann dorthin tatsächlich Gebermilliarden fließen. Auch im Kampf gegen den Terror wäre "Moral Leadership" entscheidend.
Biografisch dokumentiert "Das Ende der Armut" auch das vorläufige Ende einer langen Reise. Der Mann, der einst Schocktherapien zur Marktliberalisierung verordnete, hat gelernt, dass besonders in den ärmsten Ländern der Markt gegen die extreme Armut wenig ausrichten kann, wenn der Staat nicht massiv in Ernährung, Bildung und Gesundheit investiert. Diese Einsicht, das ist eine Ironie der Geschichte, hatte die Entwicklungshilfe der kommunistischen Ländern schon vor Jahrzehnten.

This article was also published by Berliner Zeitung.


Republishing and referencing

Bruegel considers itself a public good and takes no institutional standpoint. Anyone is free to republish and/or quote this post without prior consent. Please provide a full reference, clearly stating Bruegel and the relevant author as the source, and include a prominent hyperlink to the original post.

Read article More on this topic
 

Blog Post

A world divided: global vaccine trade and production

COVID-19 has reinforced traditional vaccine production patterns, but the global vaccine trade has changed considerably.

By: Lionel Guetta-Jeanrenaud, Niclas Poitiers and Reinhilde Veugelers Topic: Global Economics & Governance Date: July 20, 2021
Read article More on this topic
 

Opinion

Increasing the global supply of essential medical supplies: Time for Europe to step up its global leadership

Europe has already made a significant financial contribution to beating the pandemic, now it has the oppurtunity and moral responsibility to do more.

By: Anne Bucher and Guntram B. Wolff Topic: Global Economics & Governance Date: July 19, 2021
Read article More by this author
 

Blog Post

The European Union’s carbon border mechanism and the WTO

To avoid any backlash, the European Union should work with other World Trade Organisation members to define basic principles of carbon border adjustment mechanisms.

By: André Sapir Topic: Energy & Climate, Global Economics & Governance Date: July 19, 2021
Read article Download PDF
 

External Publication

Building the Road to Greener Pastures

How the G20 can support the recovery with sustainable local infrastructure investment.

By: Mia Hoffmann, Ben McWilliams and Niclas Poitiers Topic: Global Economics & Governance, Testimonies Date: July 15, 2021
Read article More on this topic More by this author
 

Opinion

Could the RMB dislodge the dollar as a reserve currency?

The dollar remains the world’s largest reserve currency, but it is facing both domestic and external risks.

By: Alicia García-Herrero Topic: Global Economics & Governance Date: July 14, 2021
Read about event
 

Past Event

Past Event

Financing for Pandemic Preparedness and Response

How can we better prepare for future pandemics? In this event, co-hosted by the Center for Global Development and Bruegel think tanks, speakers will present "A Global Deal for Our Pandemic Age", a report of the G20 High Level Independent Panel on Financing the Global Commons for Pandemic Preparedness and Response.

Speakers: Masood Ahmed, Victor J. Dzau, Amanda Glassman and Lawrence H. Summers Topic: Finance & Financial Regulation, Global Economics & Governance Location: Bruegel, Rue de la Charité 33, 1210 Brussels Date: July 14, 2021
Read article More on this topic More by this author
 

Podcast

Podcast

What should public spending look like?

What should we do about the increase in public spending due to COVID-19? Bruegel Director Guntram Wolff and Former Deputy Secretary-General of OECD Ludger Schuknecht discuss.

By: The Sound of Economics Topic: Global Economics & Governance Date: July 14, 2021
Read about event More on this topic
 

Upcoming Event

Sep
1
11:00

Resolving today’s global health crisis, and avoiding future pandemics

Bruegel Annual Meetings, Day 1- How do we exit the COVID-19 pandemic and ensure the world of tomorrow is less vulnerable to future pandemics?

Speakers: Jeremy Farrar, Amanda Glassman, Tharman Shanmugaratnam and Guntram B. Wolff Topic: Global Economics & Governance Location: Bruegel, Rue de la Charité 33, 1210 Brussels
Read about event More on this topic
 

Upcoming Event

Sep
1
15:00

The future of EU-Africa relations

Bruegel Annual Meetings, Day 1 - A discussion of the state of play and outlook of EU-Africa relations.

Speakers: Masood Ahmed, Maria Demertzis, Amadou Hott, Vera Songwe and Jutta Urpilainen Topic: Global Economics & Governance Location: Palais des Academies, Rue Ducale 1
Read about event More on this topic
 

Upcoming Event

Sep
2
16:00

Navigating a more polarised world: policy implications

Bruegel Annual Meetings, Day 2 - Are we entering a new age in the relationship between international economics and global politics? Is Europe well-equipped for this new world?

Speakers: Hélène Rey, Jean Pisani-Ferry, Adam Tooze and Sabine Weyand Topic: Global Economics & Governance Location: Palais des Academies, Rue Ducale 1
Read article More on this topic
 

External Publication

A Global Deal for Our Pandemic Age

Report of the G20 High Level Independent Panel on Financing the Global Commons for Pandemic Preparedness and Response.

By: Tharman Shanmugaratnam, Lawrence H. Summers, Ngozi Okonjo-Iweala, Ana Botin, Mohamed El-Erian, Jacob Frenkel, Rebeca Grynspan, Naoko Ishii, Michael Kremer, Kiran Mazumdar-Shaw, Luis Alberto Moreno, Lucrezia Reichlin, John-Arne Røttingen, Vera Songwe, Mark Suzman, Tidjane Thiam, Jean-Claude Trichet, Ngaire Woods, ZHU Min, Masood Ahmed, Guntram B. Wolff, Victor J. Dzau and Jeremy Farrar Topic: Global Economics & Governance Date: July 9, 2021
Read about event More on this topic
 

Past Event

Past Event

Strengthening the weak links: future of supply chains

What new supply chains trends will we see in the post-pandemic era?

Speakers: Ebru Özdemir, André Sapir and Guntram B. Wolff Topic: Global Economics & Governance Date: July 7, 2021
Load more posts