Opinion

Plädoyer gegen eine Politik der Scheinlösungen

Der Daueraufschwung verdeckt, dass Deutschland für die nächste Krise schlecht gerüstet ist. Und das Zeitfenster für Reformen schließt sich.

By: Date: October 31, 2018 Topic: European Macroeconomics & Governance

This opinion piece was already published in WirtschaftsWoche magazine. 

Seit vielen Jahren bemüht die Bundesregierung das Narrativ, Deutschland gehe es nicht nur ökonomisch gut, sondern sei auch für die Zukunft wirtschaftlich gewappnet. Und in der Tat: Das Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt steigt solide, die Arbeitslosenquote ist so niedrig wie Anfang der Achtzigerjahre in Westdeutschland. Auch die Herausforderungen, die diesen Erfolg im nächsten Jahrzehnt infrage stellen könnten, benennt die Politik formal richtig: Demografie, technologischer Wandel, Globalisierung.

Doch die politischen Antworten auf diese Herausforderungen sind vielfach zweifelhaft. Die wirtschaftlich gute Situation erlaubt derzeit viele Maßnahmen, die vorübergehend alle besser und kaum jemanden schlechter zu stellen scheinen. Bei der Rente und in vielen anderen Bereichen weitet die Bundesregierung die Staatstätigkeit aus, um vermeintlich Zukunftsfähigkeit zu beweisen und Wählersorgen zu besänftigen, etwa im sozialen Wohnungsbau. Der prosperierende Arbeitsmarkt lässt die Einführung neuer Rigiditäten wie die Begrenzung der sachgrundlosen Befristung als vertretbar erscheinen. Der 2019 sinkende Beitrag zur Arbeitslosenversicherung wird ohne größere Widerstände durch steigende Pflegebeiträge neutralisiert. Zugleich hat der Daueraufschwung die Staatskassen gefüllt, eine expansive Fiskalpolitik ermöglicht und die deutsche Staatsschuldenquote unter 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts gedrückt.

Doch irgendwann wird auf den seit fast zehn Jahre anhaltenden Aufschwung der Abschwung folgen. Angesichts der protektionistischen Tendenzen in der Welt und einer heranrollenden Welle von Wirtschaftskrisen, die bereits die Türkei und Argentinien erfasst haben, ist auch eine veritable Rezession denkbar. Und was dann? Wie krisenresistent ist Deutschland, wenn die von einer lockeren Geldpolitik angeheizte globale wirtschaftliche Expansion endet und zudem die politische Instabilität in der Welt und die zentrifugalen Kräfte in Europa zunehmen?

Die Antwort muss uns Sorgen bereiten. Die mit einem Abschwung verbundenen Einnahmeausfälle, gepaart mit immer höheren Steuerzuschüssen für die Rentenkasse, werden den öffentlichen Haushalten stark zusetzen. Eine zukünftige Bundesregierung könnte sich gezwungen sehen, nach der Ausweitung der Staatsausgaben in den vergangenen guten Zeiten mit Ausgabenkürzungen in schlechten Zeiten zu reagieren – und damit den Abschwung verschärfen. Am einfachsten ließe sich dann fatalerweise bei den öffentlichen Investitionen sparen, beim Breitbandausbau, bei Forschung und Bildung, bei der Förderung von Zukunftstechnologien.

Auch der stabile Arbeitsmarkt ist nicht gottgegeben. Im nächsten großen Abschwung droht zusätzlich zur steigenden konjunkturellen Arbeitslosigkeit eine strukturelle Arbeitslosigkeit von Arbeitnehmern, deren Jobs durch die Digitalisierung wegfallen. Qualifizierte Beschäftigte könnten theoretisch zwar in neuen, innovativen Unternehmen eine neue Aufgabe finden. Doch entstehen diese Firmen mittlerweile eher in Shenzen oder dem Silicon Valley, da in Deutschland der Mangel an Risikokapital, die hohe Steuer- und Bürokratielast und eine innovationshemmende Regulierung Firmengründer abschrecken.

Wenn es aus ökonomischer Sicht einen guten Zeitpunkt für Strukturreformen gibt, so ist dies ein konjunktureller Aufschwung, wie wir ihn heute erleben. Und der notwendige Strukturwandel in Deutschland lässt sich nicht durch Verbote und immer neue Regulierungen bewältigen. Während in Deutschland noch Uber, Airbnb und andere innovative Geschäftsideen behindert werden, etablieren sich um uns herum völlig neue Servicekonzepte. Schutzwälle wie Meisterpflicht und Honorarordnungen dürften zunehmend durch neue Arten der Dienstleistungserbringung – womöglich von innovativen ausländischen Anbietern – unterhöhlt werden.

Die deutsche Wirtschaftspolitik muss sich vor diesem Hintergrund konsequent auf die Zukunft auszurichten. Wer darüber räsonniert, wie man die Rendite der Digitalisierung gerecht verteilt, der muss zunächst sicherstellen, dass sie überhaupt entsteht. Der Infrastrukturausbau ist dabei nur ein Baustein. Auch die digitale Servicewüste in deutschen Amtsstuben sollte möglichst bald der Vergangenheit angehören. Überholte und die Digitalisierungsökonomie behindernde Regulierungen wie das Arbeitszeitgesetz gilt es zu reformieren. Neue Regulierungen, sei es für das autonome Fahren oder das Urheberrecht, müssen innovationsfreundlich ausgestaltet sein.

Zu all dem gehört viel Mut, denn Strukturwandel schafft Gewinner und Verlierer. Verharrt die deutsche Politik dagegen bei Scheinlösungen und versucht, die Kluft in der Gesellschaft mit Steuergeldern zu kitten, könnte sich bald große Ernüchterung einstellen – und eine Demontage des Wirtschaftsstandorts Deutschland.

 


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Opinion

Covid-19 and emerging economies: What to expect in the short- and medium-term

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By: Alicia García-Herrero Topic: Global Economics & Governance Date: June 3, 2020
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Policy Brief

Rebooting Europe: a framework for a post COVID-19 economic recovery

COVID-19 has triggered a severe recession and policymakers in European Union countries are providing generous, largely indiscriminate, support to companies. As the recession gets deeper, a more comprehensive strategy is needed. This should be based on four principles: viability of supported entities, fairness, achieving societal goals, and giving society a share in future profits. The effort should be structured around equity and recovery funds with borrowing at EU level.

By: Julia Anderson, Simone Tagliapietra and Guntram B. Wolff Topic: Energy & Climate, European Macroeconomics & Governance Date: May 13, 2020
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Opinion

The message in the ruling

The German Constitutional Court's ruling on the ECB's asset purchase programme is open to much criticism but it can hardly be blamed for raising an important question.

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Banking regulation in the Euro Area: Germany is different

Despite progress in recent years towards a single banking policy framework in the euro area – a banking union – much of the German banking system has remained partly sheltered from uniform rules and disciplines that now apply to nearly all the area’s other banks. The resulting differences in regulatory regimes could generate vulnerabilities in the still-incomplete banking union, which is being tested in the context of the COVID-19 pandemic.

By: Nicolas Véron Topic: European Macroeconomics & Governance Date: May 7, 2020
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COVID-19: The self-employed are hardest hit and least supported

Self-employed workers are hardest-hit by COVID-19 lockdowns. Yet they often receive less government support than salaried employees. Is the disparity justified?

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Opinion

A European approach to fund the coronavirus cost is in the interest of all

We had not seen a common challenge as clear as this pandemic. The sum of national actions and programs is likely to be insufficient.

By: Agnès Bénassy-Quéré, Arnoud Boot, Elena Carletti, Jan Krahnen, Miguel Otero-Iglesias, Lucrezia Reichlin, Dirk Schoenmaker and Guntram B. Wolff Topic: European Macroeconomics & Governance Date: April 6, 2020
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Opinion

A temporary, common fiscal stimulus to answer the mayhem of COVID-19

We are not in normal times and we have to surpass, albeit only for the duration of the COVID-19 shock, the hurdles that did not allow the euro-area to endow itself of a common fiscal policy.

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Opinion

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By: Jean Pisani-Ferry Topic: European Macroeconomics & Governance Date: April 1, 2020
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Past Event

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The Sound of Economics Live: The macroeconomic policy response to the COVID-19 crisis

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The likely economic depression triggered by coronavirus will pose a serious fiscal challenge to some euro-area countries. Given the special circumstances of the pandemic, a European solution is needed, involving more European Central Bank purchases, a significantly increased European Stability Mechanism and some degree of mutualisation of the pandemic-related economic costs.

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Coronavirus means many European Union countries will soon face major increases in their sovereign debt burdens, exacerbated by the sudden collapse of economic activity. What should the European Union do to address these debt problems?

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