Blog Post

„Die EU setzt nicht die richtigen Ziele“

Interview mit Bruegel-Forscherin Reinhilde Veugelers über die Renaissance der Industriepolitik.

By: Date: October 28, 2013 Topic: Innovation & Competition Policy

Vor dem Hintergrund der Eurokrise besinnen sich die Politiker auf die Bedeutung der Industrie zurück. Hat Europa eigentlich eine gemeinsame Industriepolitik?

Teils ja, teils nein. Auf der EU-Ebene ist die Industriepolitik vor allem horizontal. Die zentralen Instrumente sind hier der Binnenmarkt und die Wettbewerbspolitik. Aber die wichtigsten Hebel liegen weiterhin bei den Mitgliedstaaten. Deshalb gibt es eine gemeinsame Verantwortung für die Industriepolitik in Europa. Das Problem ist, dass die verschiedenen Ebenen nicht gut untereinander koordiniert sind.

Heißt das, dass die EU mehr tun müsste? Oder sollten wir uns lieber an den deutschen Ansatz halten, der auf Wettbewerb und Wettbewerbsfähigkeit setzt?

Nun, was Sie den deutschen Ansatz nennen, ist natürlich auch eine Politik. Die Frage ist doch nicht, ob wir Wettbewerb und Wettbewerbsfähigkeit brauchen – wir haben beides nötig – , sondern wie wir die richtigen Rahmenbedingungen setzen können, um Wettbewerbsfähigkeit zu sichern. Am wichtigsten ist ein offener und effizienter Binnenmarkt. Die europäische Industrie braucht einen besser integrierten Markt, und zwar nicht nur für Industriegüter, sondern auch für unterstützende Dienstleistungen (Transport und Logistik, Business Services etc.), für Energie und für Qualifikationen. Daher ist die wichtigste Aufgabe für eine Industriepolitik auf europäischer Ebene die Vervollständigung des Binnenmarkts in all diesen Dimensionen.

Die Kommission möchte den Abwärtstrend im verarbeitenden Gewerbe umkehren und ihren Anteil an der EU-Wirtschaftsleistung von derzeit rund 16 auf über 20 Prozent anheben. Sie sind skeptisch – warum?

Der sogenannte Niedergang der Industrie hält nun schon seit geraumer Zeit an. Er wird von Megatrends wie höherer Produktivität, geografischen Verschiebungen in der internationalen Arbeitsteilung, oder der wachsenden Nachfrage nach Dienstleistungen getrieben. Diese Trends dürften sich auch in naher Zukunft fortsetzen. Der Beitrag der Industrie wird sich daher nicht an der Zahl der Arbeitsplätze bemessen lassen, sondern an der Erhöhung der Produktivität und der Wertschöpfung. Was zählt, ist also nicht die Zahl der Jobs, sondern die Qualität der Arbeitsplätze. In Europa trägt der Industriesektor mit nur 15 Prozent der Arbeitsplätze zu 60 Prozent des Produktivitätswachstums bei. In den USA, wo es weniger Industriejobs gibt, ist der Anteil sogar noch höher.

Wie kann das Ziel, produktivere Arbeitsplätze zu schaffen, erreicht werden?

Man sollte es nicht mit sektoralen Politiken versuchen, sondern sich auf Aktivitäten mit hoher Wertschöpfung konzentrieren. Die Stellung in den globalen Wertschöpfungsketten ist ebenfalls wichtig.

Ist Deutschland ein Modell für die Internationalisierung der Produktion in ganz Europa?

Deutschland hat viele Stärken, und es bewegt sich tatsächlich in die richtige Richtung. Aber Deutschland ist nicht das einzige Land in Europa, das auf die Globalisierung setzt. International aufgestellte Firmen finden sich in allen Industriesektoren und in allen europäischen Ländern.

Wenn Sie Frankreich mit Deutschland vergleichen, wie erklären Sie sich den relativen Niedergang der französischen Industrie?

Wie gesagt, der Niedergang der Industrie betrifft alle Länder. Allerdings stimmt es, dass dieser Trend in Frankreich stärker ausgeprägt ist als in Deutschland. Ich vermute, dass dies damit zusammenhängt, dass sich die französische Industrie langsamer auf Aktivitäten mit hoher Wertschöpfung verlegt. Frankreich ist zu sehr in der Defensive.

Haben Sie in Ihrem Bruegel-Report zur Zukunft der Industrie in Europa spezifische Länder untersucht?

Ja, das haben wir getan, und wir haben auch einige Industriesektoren unter die Lupe genommen. Dabei haben wir zum Beispiel herausgefunden, dass es gar nicht so wichtig ist, aus welchem Land Sie kommen – wenn Sie sich nur auf die richtigen Aktivitäten innerhalb globaler Wertschöpfungsketten konzentrieren.

Gilt dies auch für Länder wie Spanien oder Italien?

Spanien hat einen ziemlich großen Industriesektor, aber es steht nicht auf einem sehr hohen Produktivitätslevel, und es ist weniger in globale Wertschöpfungsketten eingebunden. In Italien ist das produzierende Gewerbe stärker in die internationale Arbeitsteilung eingebunden.

Steuert die europäische Industrie auf eine gute Zukunft zu? Falls nicht, was müsste getan werden?

Nun, mit Blick auf die EU-Politik mache ich mir einige Sorgen. Die EU setzt Ziele für die Größe des Industriesektors, und sie entwirft Aktionspläne für bestimmte Sektoren. Meiner Meinung nach ist dies nicht der richtige Ansatz. Die EU sollte sich nicht darum kümmern, Industriearbeitsplätze in bestimmten Sektoren zu halten, sondern vielmehr darum, den Anteil der Industrie am Produktivitätswachstum zu steigern. Die entscheidende Frage ist, welche Art von Industrie wir wollen: es geht um hochqualifizierte Aktivitäten mit hoher Wertsteigerung, die übrigens oft einen Dienstleistungscharakter haben. Ohnehin führt die Debatte „Industrie gegen Dienstleistung“ in die Irre. So sind in Deutschland 50 Prozent der Industriejobs in Wahrheit Dienstleistungen. Deutschland hat mehr Service-Jobs, als der Dienstleistungs-Sektor vermuten ließe!

Europa durchläuft eine schwere Wirtschaftskrise, die auch und gerade die Industrie trifft. Ich denke zum Beispiel an Nokia in Finnland. Dennoch wirken Sie recht optimistisch…

Ja, ich bin von Natur aus optimistisch! Unser Bericht zählt eine ganze Reihe von Chancen für die europäische Industrie auf. Im übrigen bin ich auch nicht sicher, dass der Ausverkauf von Nokia so negativ für Finnland ist. Es handelt sich um eine Art „schöpferische Zerstörung“, die jede Menge Möglichkeiten für neue Aktivitäten schafft. Ich bin mir sicher, dass Finnland dies sehr gut verstanden hat.

Die Fragen stellte Eric Bonse


Republishing and referencing

Bruegel considers itself a public good and takes no institutional standpoint. Anyone is free to republish and/or quote this post without prior consent. Please provide a full reference, clearly stating Bruegel and the relevant author as the source, and include a prominent hyperlink to the original post.

Read article More on this topic More by this author
 

Podcast

Podcast

Are robots taking our jobs?

What will be the impact of automation on the economy? Bruegel's own Giuseppe Porcaro discusses with Aaron Benanav, Laura Nurski, and Alexis Moraitis.

By: The Sound of Economics Topic: Innovation & Competition Policy Date: July 20, 2021
Read article
 

Blog Post

Will European Union recovery spending be enough to fill digital investment gaps?

The recovery facility will boost digital transformation, but questions remain whether it will be sufficient to achieve Europe’s digital ambitions.

By: Zsolt Darvas, J. Scott Marcus and Alkiviadis Tzaras Topic: European Macroeconomics & Governance, Innovation & Competition Policy Date: July 20, 2021
Read article Download PDF
 

Policy Contribution

A new direction for the European Union’s half-hearted semiconductor strategy

The EU needs a more targeted strategy to increase its presence in this strategic and thriving sector, building on its existing strengths, while accommodating its relatively low domestic needs.

By: Niclas Poitiers and Pauline Weil Topic: European Macroeconomics & Governance, Innovation & Competition Policy Date: July 15, 2021
Read about event More on this topic
 

Upcoming Event

Sep
2
14:30

Brave new digital industrial policy

Bruegel Annual Meetings, Day 2 - In this session our speakers will dicuss innovation and digitalisation.

Speakers: Francesca Bria, Kerstin Jorna, Marietje Schaake and Reinhilde Veugelers Topic: Innovation & Competition Policy Location: Palais des Académies, Rue Ducale 1, Brussels
Read about event More on this topic
 

Upcoming Event

Sep
3
11:45

Academic lecture: International technology competition

Bruegel Annual Meetings, Day 3 - On the final day of the Annual Meetings, our Director Guntram Wolf sits with Keyu Jin to discuss international competition policy.

Speakers: Keyu Jin, J. Scott Marcus and Guntram B. Wolff Topic: Innovation & Competition Policy Location: Palais des Académies, Rue Ducale 1, Brussels
Read article More on this topic More by this author
 

Blog Post

Designing a hybrid work organisation

Post-pandemic hybrid work models should be carefully planned, taking into account individual and organisational needs.

By: Laura Nurski Topic: Innovation & Competition Policy Date: July 5, 2021
Read article More on this topic
 

Blog Post

Workers can unlock the artificial intelligence revolution

Employers and artificial intelligence developers should ensure new technologies work for workers by making them trustworthy, easy to use and valuable in day-to-day work.

By: Mia Hoffmann and Laura Nurski Topic: Innovation & Competition Policy Date: June 30, 2021
Read article More on this topic More by this author
 

Podcast

Podcast

The skills of the future

What challenges and opportunities does technology bring to the labour market?

By: The Sound of Economics Topic: Innovation & Competition Policy Date: June 23, 2021
Read article Download PDF More on this topic
 

Working Paper

Platform mergers and antitrust

This paper sets out a framework for addressing competition concerns arising from acquisitions in big platform ecosystems. This is a June 2021 update of the same paper published in January 2021.

By: Geoffrey Parker, Georgios Petropoulos and Marshall Van Alstyne Topic: Innovation & Competition Policy Date: June 15, 2021
Read article Download PDF More on this topic
 

Working Paper

Stability of collusion and quality differentiation: a Nash bargaining approach

How do incentives to collude depend on how asymmetric firms are? For low levels of differentiation, an increase in quality difference makes collusion less stable. The opposite holds for high levels of differentiation.

By: Thanos Athanasopoulos, Burak Dindaroglu and Georgios Petropoulos Topic: Innovation & Competition Policy Date: June 15, 2021
Read article More on this topic
 

Blog Post

The coming productivity boom

AI and other digital technologies have been surprisingly slow to improve economic growth. But that could be about to change.

By: Erik Brynjolfsson and Georgios Petropoulos Topic: Innovation & Competition Policy Date: June 10, 2021
Read article Download PDF More on this topic
 

Policy Contribution

Blending the physical and virtual: a hybrid model for the future of work

The pandemic has shown that many workers can efficiently work remotely, with benefits for wellbeing and even productivity. The European Union should develop a framework to facilitate hybrid work.

By: Monika Grzegorczyk, Mario Mariniello, Laura Nurski and Tom Schraepen Topic: Innovation & Competition Policy Date: June 9, 2021
Load more posts