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Europa droht eine verlorene Dekade

Bruegel-Forscher Zsolt Darvas über die schädlichen Folgen aktueller Konjunkturprobleme für das langfristige Wachstum.

By: Date: June 6, 2013 Topic: European Macroeconomics & Governance

Bruegel-Forscher Zsolt Darvas über die schädlichen Folgen aktueller Konjunkturprobleme für das langfristige Wachstum

Die Statistikbehörde Eurostat hat Mitte Mai eine vorläufige Schätzung für das Wirtschaftswachstum im ersten Quartal 2013 vorgelegt: Die Wirtschaftsleistung der Eurozone schrumpfte im Vergleich zum letzten Quartal um 0,2 Prozent und um ein Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal. Sogar das deutsche BIP fiel um 0,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die europäische Entwicklung steht in scharfem Kontrast zu den USA, die im ersten Quartal ein Wachstum von 1,8 Prozent meldeten. Dort steigt die Produktivität, die Investitionen kommen zurück, die Kreditvergabe zieht an, und der private Konsum wächst – nach einem großen Deleveraging des Immobiliensektors.

Die europäische Antwort auf das Wachstumsproblem besteht in Strukturreformen zur Erhöhung des langfristigen Wachstumspotentials und in einer fiskalischen Konsolidierung, die das Ziel verfolgt, das Vertrauen und die fiskalische Nachhaltigkeit wiederherzustellen. Weitere Kernziele sind – jedenfalls auf dem Papier – die Reform des Finanzsystems und einige weitgehend symbolische Initiativen, um die Nachfrageschwäche anzugehen. Dazu gehören die schnellere Bereitstellung von Strukturfonds, mehr Investitionen der EIB und die Ausgabe von Projektbonds. Doch sogar EU-Kommissionschef Barroso hat vor zwei Monaten eingeräumt, dass die Umsetzung des im letzten Jahr verabschiedeten Wachstumspakts „zu zaghaft und zu langsam“ vorankommt. In Wahrheit war die europäische Antwort auf die aktuellen Wachstumsprobleme extrem schwach.

Europa leidet unter einer gut dokumentierten Wachstumsschwäche (siehe unseren letzten policy brief). Doch nun kommt noch das Risiko hinzu, dass kurzfristige Konjunkturprobleme das langfristige Wachstumspotential weiter schädigen – und zwar aus sechs Gründen:

Erstens: Eine anhaltend hohe Arbeitslosigkeit entwertet berufliche Fähigkeiten und entmutigt die Betroffenen, am Arbeitsmarkt teilzunehmen. Dadurch wird das langfristige Wachstumspotential geschwächt. Die Jugendarbeitslosigkeit, die in einer ganzen Reihe von Ländern ein Rekordhoch erreicht hat, ist besonders alarmierend. Denn eine lange Zeit ohne Beschäftigung nach dem Schulabschluss kann die gesamte Karriere zerstören. Die EU-Politiker haben zwar versprochen, energisch gegen die Arbeitslosigkeit vorzugehen. Doch bisher ist noch kein Ergebnis zu sehen.

Zweitens: Unternehmensinterne Forschung und Entwicklung (R&D) ist ein prozyklisches Geschäft. Die Firmen geben dafür bei einem Abschwung deutlich weniger aus – vor allem dann, wenn sich keine Erholung abzeichnet. Eine lange Zurückhaltung bei R&D verringert jedoch die Effizienz von Unternehmen. Seit 2007 sinkt die totale Faktorproduktivität in fast ganz Europa. Durch die geringere Effizienz kann das Wachstum geringer ausfallen, wenn die Nachfrage wieder anzieht.

Drittens: Schwaches Wachstum und schwache Bankbilanzen verstärken sich wechselseitig, mit einem negativen Impact für das langfristige Wachstum. Eine schwache Wirtschaft führt zu Verlusten im Bankgeschäft, die wiederum die Bankbilanz verschlechtern. Banken mit einer schlechten Bilanz neigen dazu, zweifelhafte Darlehen ihrer Bestands-Kunden zu verlängern, anstatt weitere Verluste hinzunehmen (man nennt diesen Prozess „Zombifikation“). Gleichzeitig geben sie jungen und innovativen Firmen keine Kredite. Dadurch werden Notleidende Firmen, die wenig Wachstum generieren, am Leben erhalten, während neue und produktivere Firmen nicht wachsen können. Ähnliche Entwicklungen haben sich in den 90er Jahren in Japan abgespielt; sie führten zu einer verlorenen Dekade. Europa hat sich zwar bereit erklärt, seine Banken zu stützen. Doch die Politik war weitaus zögerlicher als in den USA, wo die Restrukturierung der Banken schon 2009 weitgehend abgeschlossen wurde.

Viertens: Vor der Krise hat sich die private Verschuldung der Haushalte und Unternehmen deutlich erhöht. In einigen EU-Länder erreichte sie zu hohe Marken. Doch das Deleveraging der privaten Schulden ging viel langsamer voran als in den USA. Die Geschichte lehrt uns, dass die Entschuldung sich in die Länge ziehen und das Wachstum hemmen kann. Die aktuelle wirtschaftliche Stagnation macht es schwerer für den Privatsektor, die Schuldenlast zu verringern. Dies kann das Deleveraging verlängern und das Wachstum mittelfristig unterminieren.

Fünftens: Die Stagnation schmälert die Attraktivität Europas für Investitionen. Wenn Investitionen in andere Regionen abwandern, schwächt dies das langfristige Wachstumspotential in Europa.

Sechstens: Eine anhaltende Periode schwachen Wachstums und hoher Arbeitslosigkeit unterminiert das Vertrauen der EU-Bürger in die EU-Institutionen, die richtigen Lösungen zu finden. Damit schwächt es auch die Akzeptanz von lebenswichtigen, aber schmerzhaften Strukturreformen, die ebenfalls von der EU vorangetrieben werden. Ein Zurückweichen bei Strukturreformen wurde das langfristige Wachstumspotential schwächen.

Angesichts vieler enttäuschender Konjunkturdaten braucht Europa eine umfassende Initiative für mehr Wachstum. Andernfalls könnte Europa genau wie Japan eine verlorene Dekade drohen. Die höchste Priorität hat jetzt die Sanierung des Bankensektors, sie muss noch 2013 in Angriff genommen werden. Wir brauchen Maßnahmen, die die Kreditvergabe erleichtern, auch an kleine und mittlere Unternehmen. Zweitens sollte man über verschiedene Maßnahmen zugunsten von Investitionen und Innovationen nachdenken. Die EIB braucht viel mehr frisches Kapital als die 10 Mrd. Euro, die im letzten Jahr freigegeben wurden. Zudem müssen die internen Strukturen der EIB verbessert werden, um schnellere Investitionen zu erlauben. Drittens muss das Problem der schwachen privaten Nachfrage angegangen werden. Dazu sollte die Fiskalpolitik der wirtschaftlichen Lage angepasst werden. Während die Konsolidierung in den hochverschuldeten Ländern Südeuropas weitergehen muss, gibt es gute Argumente für eine Neuausrichtung der Fiskalpolitik in Nordeuropa. Viertens müssen die großen Ungleichgewichte im Euroraum ausgeglichen werden. Dies kann nicht bei schwacher Inflation erreicht werden. Die EZB sollte daher sicherstellen, dass die Inflationsrate nicht unter den Zielwert von zwei Prozent fällt. Zudem sollten die Länder Nordeuropas alles vermeiden, was einen Anstieg der Inflation über die Zwei-Prozent-Marke verhindert. 


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