Blog Post

Europa muss Griechenland eine Zukunft bieten

Die Wahlen in Griechenland am 17. Juni haben etwas Erleichterung gebracht. Eine neue Regierung wurde gebildet, die sich mit den europäischen Partnern und dem IWF an einen Tisch setzen wird, um die Bedingungen des aktuellen Hilfsprogramms zu diskutieren, vielleicht auch zu überarbeiten. Die unmittelbare Gefahr eines griechischen Austritts aus dem Euroraum ist gebannt. Doch dies […]

By: Date: June 25, 2012 Topic: Macroeconomic policy

Die Wahlen in Griechenland am 17. Juni haben etwas Erleichterung gebracht. Eine neue Regierung wurde gebildet, die sich mit den europäischen Partnern und dem IWF an einen Tisch setzen wird, um die Bedingungen des aktuellen Hilfsprogramms zu diskutieren, vielleicht auch zu überarbeiten. Die unmittelbare Gefahr eines griechischen Austritts aus dem Euroraum ist gebannt.

Doch dies ist nur eine vorübergehende Erleichterung. Sowohl für Griechenland als auch für den Rest der Euroraums muss noch viel getan werden.

Wie ich bereits früher angemerkt habe, muss Europa Griechenland eine Zukunft nach den Wahlen eröffnen, wenn eine kooperative Regierung gewählt wird. Nun ist eine neue Regierung gewählt worden, die sich wahrscheinlich kooperativ zeigen wird. Doch die Troika aus EU-Kommission, EZB und IWF wird wahrscheinlich zu dem Schluss kommen, dass Griechenland seine Verpflichtungen aus dem Memorandum zu einem großen Teil verfehlt hat. Die Frage ist nun: Warum sollte Europa irgendetwas für Griechenland tun, bevor Griechenland geliefert hat?

Die Gründe dafür sind vielfältig. Sie reichen von der bereits erfolgten Bestrafung über eine gemeinsame Verantwortung bis hin zur Selbstverteidigung des Euroraums.

1.  Die bereits erfolgte Bestrafung. Keine Frage, die Griechen haben sich unverantwortlich verhalten, als sie bis 2009 hohe Staatsschulden anhäuften. Unverantwortliches Handeln sollte mit korrektiven Maßnahmen beantwortet werden. Doch die Bestrafung hat zu einem dramatischen, höchstwahrscheinlich zu weitgehenden wirtschaftlichen Ergebnis geführt: Zwischen dem 3. Quartal 2008 und dem ersten Quartal 2012 fiel das griechische BIP in bereinigten Zahlen um 18 Prozent, und die Beschäftigung sank um 15 Prozent. Niemand kann beurteilen, wie hoch der „Preis“ für die vor der Krise gemachten Fehler sein sollte. Doch mein Eindruck ist, dass das griechische Volk bereits übermäßig leidet. Und dabei ist das Leiden nicht einmal vorbei: Die griechische Produktion und die Beschäftigung befinden sich in freiem Fall, und ohne entschiedene europäische Hilfe wird die griechische Krise die Ausmaße der Großen Depression der Jahre 1929-32 erreichen.

2.  Geteilte Verantwortung. Einmal abgesehen von der griechischen Regierung sind die europäischen Partner mitverantwortlich dafür, dass sie den Ereignissen vor der Krise untätig zusahen – und dafür, dass sie die Krise nach 2010 nicht angemessen bewältigt haben. Vor der Krise legte Griechenland gefälschte Zahlen über die Lage der öffentlichen Finanzen vor. Doch selbst diese gefälschten Zahlen hätten die Europäer veranlassen müssen, korrektive Maßnahmen nach dem Stabilitäts- und Wachstumspakt zu fordern. Offenbar schuf die Sonderbehandlung Deutschlands und Frankreichs, die den Stabilitätspakt ebenfalls verletzten und nicht bestraft wurden,  eine Atmosphäre, in der niemand mehr den Pakt wirklich ernst nahm. Auch die Marktteilnehmer, darunter deutsche und französische Banken, haben versagt, indem sie griechische Staatsanleihen mit einem sehr niedrigen Risikoaufschlag gegenüber deutschen Bundesanleihen kauften – und so die Botschaft sendeten, dass alles in Ordnung war. Zwar gehörten die niedrigen Spreads der Vergangenheit an, als die Krise Anfang 2010 ausbrach. Doch die staatlichen Kreditgeber, darunter auch die deutsche Regierung, machten einen kapitalen Fehler, als sie das Krisenmanagement übernahmen: sie begannen das erste Hilfsprogramm, ohne die Schulden zu reduzieren, und sie beharrten zu lange darauf, dass kein Schuldenschnitt nötig sein würde. Sie räumten ihren Fehler erst Ende 2011 ein – aber da hatten die staatlichen Kreditgeber die griechische Staatsschuld schon weitgehend „sozialisiert“.

3.  Selbstverteidigung. Je tiefer die griechische Wirtschaft fällt, je größer die Wahrscheinlichkeit, dass soziale Spannungen eskalieren, die die neue Regierung zu Fall bringen könnten. Wer würde Griechenland dann regieren? Ein Sturz der aktuellen Regierung würde den Austritt Griechenland aus dem Eurogebiet imminent machen. dies würde nicht nur Griechenland schaden, sondern  – über die Ansteckungs-Mechanismus – auch dem Rest der Eurozone. Die beste Selbstverteidigung der Euro-Partner ist es daher, Griechenland in der Währungsunion zu halten.

Viele Kommentatoren, insbesondere in Nordamerika, gehen schon jetzt davon aus, dass Griechenland den Euro verlassen wird, und dass andere Länder folgen werden. So schrieben Peter Boone und Simon Johnson in einer hellsichtigen Analyse vor den griechischen Wahlen: „Es ist beinahe unmöglich, Griechenland im Euro zu halten: Sparer ziehen ihr Geld aus den Banken ab, Steuerzahler verzögern ihre Steuerzahlungen, und Firmen halten ihre Zulieferer bei den Zahlungen hin. … Wenn IWF-Chefs, EU-Politiker und Finanzjournalisten die Idee eines „Greek exit“ aufbringen, wird kaum noch jemand langfristige Verträge in Griechenland abschließen oder Investitionen tätigen. Mit der griechischen Wirtschaft kann es nur bergab gehen.“

Die Diagnose ist richtig. Auch ihre Schlussfolgerung, dass die Deutschen und die EZB nach einem „Grexit“ zögern würden, massiv EZB-Mittel für andere strauchelnde Süd-Euroländer bereitzustellen, ist plausibel. Anders als viele Politiker behaupten, ist Europa nicht auf einen eventuellen Austritt Griechenlands vorbereitet: eine massive Kapitalflucht aus mehreren Süd-Euroländern ließe sich nicht wirklich stoppen. Sie könnte zu einer ungeordneten und zerstörerischen Auflösung des Euroraums führen – es sei denn, man würde unmittelbar die Vereinigten Staaten von Europa ausrufen, was politisch nicht machbar erscheint.

Es gibt sehr starke wirtschaftliche und politische Argumente dafür, Griechenland nicht aus dem Euro austreten zu lassen. Die Wirtschaft würde massiv zusammenbrechen, und die Arbeitslosigkeit würde in die Höhe schießen. Die beste Art, eine beschleunigte Kapitalflucht aus anderen Krisenländern zu verhindern, besteht darin, die Integrität der Eurozone zu verteidigen. Beim Euro geht es letztlich nicht nur um die Wirtschaft, sondern er hat auch wichtige historische als auch politische Wurzeln.

Was wäre also zu tun?

Erstens sollte das laufende Hilfsprogramm für Griechenland neu verhandelt werden, wenn auch nur in bestimmten Bereichen. Während man fiskalische Ziele wegen der verschlechterten Wirtschaftslage anpassen kann und auch muss, sollten die Strukturreformen weitergeführt werden, da der öffentliche Dienst in Griechenland immer noch ineffizient und der Privatsektor immer noch schlecht reguliert ist.

Zweitens sollten die Europäer anerkennen, dass der wirtschaftliche Ausblick für Griechenland hoffnungslos ist. Das griechische Schicksal kann ohne bedeutende europäische Investitionen nicht zum Guten gewendet werden. Wobei zu beachten wäre, dass Investitionen nicht nur als  Hilfe und Kredit zu sehen sind.

Drittens sollten die Europäer anerkennen, dass die griechische Schuldenlast immer noch zu hoch ist. Selbst wenn das Austeritätsprogramm so umgesetzt wird, wie es vor einigen Monaten geplant war, ist es sehr unwahrscheinlich, dass Griechenland in der Lage sein wird, alle Schulden zurückzuzahlen. Je länger man  abwartet, dieser Wahrheit ins Gesicht zu blicken, desto mehr wächst die Unsicherheit für Griechenland, was auch die Wirtschaft negativ beeinflusst. Da die Europäer die griechische Schuld ohnehin schon „sozialisiert“ haben, kann eine spürbare Verringerung der Schuldenlast nicht ohne Beteiligung des öffentlichen Sektors gelingen. Dies ist der Preis, den die Euro-Partner für ihre Fehler im Management der Krise von 2010 bis 2011 gemacht haben.

Natürlich sollten diese Erleichterungen an Bedingungen geknüpft werden. Die Euro-Partner und die griechische Regierung müssten Wege finden, künftige Risiken für die Gläubiger zu reduzieren.

Viertens sollten die europäischen Partner erkennen, dass die Erleichterung, die die Wahlen in Griechenland gebracht haben, nur kurzlebig ist. Sie sollten daher damit beginnen, alle Fehler in der Gestaltung des Euros zu korrigieren. Am 29. Juni, nach dem EU-Gipfel, werden wir sehen, ob unsere Politiker dieser Aufgabe gewachsen sind.


Republishing and referencing

Bruegel considers itself a public good and takes no institutional standpoint. Anyone is free to republish and/or quote this post without prior consent. Please provide a full reference, clearly stating Bruegel and the relevant author as the source, and include a prominent hyperlink to the original post.

Read about event More on this topic
 

Upcoming Event

May
25
14:30

How can we support and restructure firms hit by the COVID-19 crisis?

What are the vulnerabilities and risks in the enterprise sector and how prepared are countries to handle a large-scale restructuring of businesses?

Speakers: Ceyla Pazarbasioglu and Guntram B. Wolff Topic: Macroeconomic policy Location: Bruegel, Rue de la Charité 33, 1210 Brussels
Read about event More on this topic
 

Upcoming Event

May - Jun
31-1
10:30

MICROPROD Final Event

Improving understanding of productivity, its drivers and the way we measure it.

Speakers: Carlo Altomonte, Eric Bartelsman, Marta Bisztray, Italo Colantone, Maria Demertzis, Wolfhard Kaus, Javier Miranda, Steffen Müller, Verena Plümpe, Niclas Poitiers, Andrea Roventini, Gianluca Santoni, Valerie Smeets, Nicola Viegi and Markus Zimmermann Topic: Macroeconomic policy Location: Bruegel, Rue de la Charité 33, 1210 Brussels
Read about event
 

Past Event

Past Event

[Cancelled] Shifting taxes in order to achieve green goals

[This event is cancelled until further notice] How could shifting the tax burden from labour to pollution and resources help the EU reach its climate goals?

Speakers: Niclas Poitiers and Femke Groothuis Topic: Green economy, Macroeconomic policy Location: Bruegel, Rue de la Charité 33, 1210 Brussels Date: May 12, 2022
Read about event More on this topic
 

Past Event

Past Event

How are crises changing central bank doctrines?

How is monetary policy evolving in the face of recent crises? With central banks taking on new roles, how accountable are they to democratic institutions?

Speakers: Maria Demertzis, Benoît Coeuré, Pervenche Berès, Hans-Helmut Kotz and Athanasios Orphanides Topic: Macroeconomic policy Location: Bruegel, Rue de la Charité 33, 1210 Brussels Date: May 11, 2022
Read article Download PDF More by this author
 

Book/Special report

European governanceInclusive growth

Bruegel annual report 2021

The Bruegel annual report provides a broad overview of the organisation's work in the previous year.

By: Bruegel Topic: Banking and capital markets, Digital economy and innovation, European governance, Global economy and trade, Green economy, Inclusive growth, Macroeconomic policy Date: May 6, 2022
Read article Download PDF
 

Policy Contribution

European governance

Fiscal support and monetary vigilance: economic policy implications of the Russia-Ukraine war for the European Union

Policymakers must think coherently about the joint implications of their actions, from sanctions on Russia to subsidies and transfers to their own citizens, and avoid taking measures that contradict each other. This is what we try to do in this Policy Contribution, focusing on the macroeconomic aspects of relevance for Europe.

By: Olivier Blanchard and Jean Pisani-Ferry Topic: European governance, Macroeconomic policy Date: April 29, 2022
Read article Download PDF More on this topic
 

Working Paper

The low productivity of European firms: how can policies enhance the allocation of resources?

A summary of the most important policy lessons from research undertaken in the MICROPROD project work package 4, related to the allocation of the factors of production, with a special focus on the weak dynamism of European small and medium-sized enterprises (SMEs).

By: Grégory Claeys, Marie Le Mouel and Giovanni Sgaravatti Topic: Macroeconomic policy Date: April 25, 2022
Read article More on this topic
 

External Publication

What drives implementation of the European Union’s policy recommendations to its member countries?

Article published in the Journal of Economic Policy Reform.

By: Konstantinos Efstathiou and Guntram B. Wolff Topic: Macroeconomic policy Date: April 13, 2022
Read article Download PDF More on this topic More by this author
 

Working Paper

Measuring the intangible economy to address policy challenges

The purpose of the first work package of the MICROPROD project was to improve the firm-level data infrastructure, expand the measurement of intangible assets and enable cross-country analyses of these productivity trends.

By: Marie Le Mouel Topic: Macroeconomic policy Date: April 11, 2022
Read about event More on this topic
 

Past Event

Past Event

Macroeconomic and financial stability in changing times: conversation with Andrew Bailey

Guntram Wolff will be joined in conversation by Andrew Bailey, Governor of the Bank of England.

Speakers: Andrew Bailey and Guntram B. Wolff Topic: Macroeconomic policy Date: March 28, 2022
Read article
 

Opinion

European governance

How to reconcile increased green public investment needs with fiscal consolidation

The EU’s ambitious emissions reduction targets will require a major increase in green investments. This column considers options for increasing public green investment when major consolidations are needed after the fiscal support provided during the pandemic. The authors make the case for a green golden rule allowing green investment to be funded by deficits that would not count in the fiscal rules. Concerns about ‘greenwashing’ could be addressed through a narrow definition of green investments and strong institutional scrutiny, while countries with debt sustainability concerns could initially rely only on NGEU for their green investment.

By: Zsolt Darvas and Guntram B. Wolff Topic: European governance, Green economy, Macroeconomic policy Date: March 8, 2022
Read article More on this topic More by this author
 

Opinion

The week inflation became entrenched

The events that have unfolded since 24 February have solved one dispute: inflation is no longer temporary.

By: Maria Demertzis Topic: Macroeconomic policy Date: March 8, 2022
Load more posts